Liebes Tagebuch, die letzten 36 Stunden waren sehr... ich hätte nie gedacht, dass... Aber von Anfang an! Als wir gestern Morgen von Carnfurt nach Ravensloft aufgebrochen sind, hat niemand damit gerechnet, dass irgendetwas besonderes auf uns wartet. Wir sind auf der Straße gut vorangekommen, haben die Pferde die meiste Zeit traben lassen und erreichten unser Ziel schon am Vormittag. Elaril war so gut aufgelegt wie schon seit Tagen nicht mehr, ich glaube fast, er versteht sich nicht so gut mit den Verlester Elfen. Wir haben uns also gut unterhalten, ich weiß nur nicht mehr, worüber – das scheint jetzt so lange her zu sein.
In Ravensloft angekommen, bestand Herr von Rodenwald, der Missus, darauf, den Gerichtstag sofort zu beginnen. Er ist in solchen Fragen sehr korrekt, verliert keine Zeit und um ehrlich zu sein, haben wir keine komplizierteren Streitfälle erwartet als nicht bezahlte Lagergebühren und vielleicht einen Ehemann, der nach einem Bier zu viel ausfallen wird. Wir haben uns sehr getäuscht.
Das Gericht lief zunächst ganz normal, bis eine junge Frau in der Tracht einer Klerikerin vortrat. Hildegard. Hildegard vom Weyersdorf. Grundgütige Götter! - Aber ich merke, ich drohe abzuschweifen, wenn ich mich nicht an die Fakten halte an dieser Stelle. Hildegard also trug einen Fall vor, der im ersten Moment unglaublich klang. Sie klagte gegen ein bestimmtes Etablissement in der Stadt, das die dort angestellten Frauen wie Sklavinnen halten sollte. Herr von Rodenwald aber schenkte ihr Gehör und wenn vielleicht noch keinen Glauben, so schickte er mich doch mit meinen Männern los, die Sachlage zu überprüfen. Sie hatte keine Silber übertrieben. In was für einen Moloch waren wir dort bloss hineingeraten? Meine Männer bemühten sich selbstverständlich sofort, die Blöße der anwesenden Frauen zu bedecken – zum Glück hatten Hildegard und ihre Begleiter ein paar lange Umhänge. Nebenbei, lange Mäntel eignen sich sehr viel besser dafür als unsere kurzen Kavallerieumhänge. Aber für den Moment hätte es gereicht. Als wir uns anschickten, dieses Haus zu verlassen, trat uns plötzlich die Ravenslofter Stadtwache in den Weg. Diese ehrlosen, dreckigen Hunde hatten doch tatsächlich auch noch ihre Finger in diesem schmutzigen Geschäft. Uns blieb keine andere Wahl, als uns den Weg frei zu kämpfen, nicht einfach, wenn der Gegner in den engen Straßen einen Vorteil hat und man außerdem darauf bedacht sein muss, eine Gruppe verängstigter Frauen zu schützen. Ich fürchtete, es könnte diesen Halunken daran gelegen sein, die Damen an einer Aussage zu hindern. Hildegard und ihre beiden Begleiter waren eine wertvolle Hilfe in diesem Kampf und vor allem Hildegards Fähigkeit, durch die Macht ihrer Göttin zu heilen, war am Ende dringend notwendig, um meine Männer, die stark lädiert waren, wieder auf die Beine zu bekommen. Sie ist wirklich eine bemerkenswerte Frau, keinen Moment hat sie vor dem Kampf zurückgeschreckt oder den Kopf verloren.
Wir übergaben also die befreiten Damen und die Überlebenden der Stadtwache den Gerichtsdienern zur weiteren Vernehmung, als Hildegard mit einem zweiten Anliegen an unseren Missus herantrat. Nachdem sich schon ihre erste Klage als wohlbegründet erwiesen hatte, war er auch bereit, diese mit der gleichen Gründlichkeit anzuhören. Und wie überrascht waren wir zu hören, dass sie einen Zirkel dunkler Magier in Ravensloft entdeckt und bereits zu großen Teilen zerschlagen hatten! Elaril wurde ausgesandt, einen gefangenen Magier aus dem Kloster der Erdmutter östlich von Ravensloft zu holen und Herr von Rodenwald sorgte dafür, dass die Garnison der Stadt ihm eine nicht unerhebliche Anzahl von Soldaten zur Sicherung der Lage zur Verfügung stellte. Er hat selbstverständlich entsprechende Vollmachten vom Fürsten von Malfori dabei.
Es ist nur verständlich, dass wir nach den turbulenten Ereignissen des Abends beschlossen, den Männern etwas Entspannung zu gönnen und so begaben wir uns in eine ganz ordentliche Kneipe, die uns der Zwerg, der mit Hildegard reist, empfohlen hatte. Und etwas später stieß auch sie mit ihren beiden Begleitern hinzu. Ich möchte hier kein unhöfliches Wort über diese beiden Herren verlieren, aber manchmal frage ich mich schon, wie diese Reisegesellschaft zu Stande gekommen ist. Die Männer amüsierten sich gut, es gab immerhin einen schwer errungenen und entsprechend umso wichtigeren Sieg zu feiern. Ich bemerkte allerdings, dass Hildegard, die mir gegenüber saß, sehr gedrückter Stimmung war. Natürlich versuchte ich, sie aufzuheitern, aber ich befürchte, ich habe mich dabei nicht allzu gut geschlagen. Seichte Plaudereien sind eben nichts, womit man einer fahrenden Klerikerin imponiert und so konnte ich ihr selten mehr als ein schwaches Lächeln abringen. Wäre Narsil dagewesen, er hätte sie gewiss ihren Kummer vergessen lassen, Narsil konnte schon immer besser mit Frauen umgehen. Gleichzeitig bin ich froh, unendlich froh, dass er nicht da war. Denn... vieles wäre sicherlich anders gekommen, als ohne ihn.
Etwas später wollte Hildegard ein wenig frische Luft schnappen und sie schlug meine Begleitung nicht aus, was mich insgeheim sehr freute. Ich habe gehofft, etwas mehr über diese junge Frau zu erfahren, vielleicht auch die Ursache ihres Kummers. Allerdings redeten wir dann nur über Nichtigkeiten, bis mir bewusst wurde, dass Hildegard mich geradewegs zu einem Gasthaus geführt hatte. Aus Gründen, die wohl immer nur ihr allein bekannt bleiben werden, wollte sie die Nacht nicht in ihrer Unterkunft verbringen und sie wollte die Nacht nicht allein verbringen.
Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, mein Erstaunen zu verbergen. Die meisten Frauen machen ein gewaltiges Aufheben um eine solche Situation, erwarten tausend Dinge und machen hundert verwirrende Andeutungen. Ich weiß nicht, was sie bewogen hat, sich für diesen Zeitpunkt und für mich zu entscheiden. Aber sie wusste gut, was sie wollte, auch wenn sie... gehört das hierher? Ich habe, glaube ich, erwartet, dass ein junges Mädchen sich ihr erstes Mal anders wünscht. Andererseits ist Hildegard sicher nicht das durchschnittliche Mädchen. Sie ist... anders. Das klingt schrecklich, ich sollte das durchstreichen. Sie ist etwas besonderes. Es war vollkommen unkompliziert, sie machte nicht viele Worte, ich versuchte, es ihr gleich zu tun. Irgendwann sind wir eingeschlafen. Ich habe wenig geschlafen in dieser Nacht, irgendwann habe ich mich dabei ertappt zu beobachten wie das erste Frühlicht über ihre Haare kroch. Sie sieht sehr verändert aus, wenn sie schläft, ohne die Rüstung und mit offenen Haaren. Ich weiß natürlich, dass sie normalerweise keinen Schutz braucht, ich habe sie kämpfen sehen, aber an diesem Morgen – ich hätte es nochmal mit der ganzen Stadtwache aufgenommen und sollten die Schwarzmagier ihnen doch helfen!
Das klingt naiv, liebes Tagebuch. Ich kam erst gegen Mittag wieder zur Truppe. Elaril amüsiert sich noch jetzt auf seine stille, elfische Art, wann immer er zu mir herüber schaut. Aber er hat meinen Dienst übernommen, soll er also feixen. Ich habe keine Ahnung, wie das weitergehen soll. Ob es das überhaupt soll. Ich weiß nichtmal, ob das meine Entscheidung ist. Ich weiß´nur, dass ich es nicht bereue. Ich muss jetzt schließen. Die Magier sind unten, verweigern aber die Aussage. Heute Abend übernehme ich Elarils Dienst. Dann sind wir quitt. Morgen brechen wir auf – ob ich sie davor überhaupt nochmal sehe?
"aber manchmal frage ich mich schon, wie diese Reisegesellschaft zu Stande gekommen ist."
AntwortenLöschenJa, das frage ich mich manchmal allerdings auch! ;)
Meine Lieblingsformulierung: "Das klingt schrecklich, ich sollte das durchstreichen."
Tiron kommt wirklich wie ein anständiger und korrekter junger Mann rüber, der ein kleines Problem mit Frauen hat. Unheimlich süß und sogar romantisch.
Ich finde die ganze Essenz steckt schon in diesen wenigen Zeilen: "Das Gericht lief zunächst ganz normal, bis eine junge Frau in der Tracht einer Klerikerin vortrat. Hildegard. Hildegard vom Weyersdorf. Grundgütige Götter! - Aber ich merke, ich drohe abzuschweifen, wenn ich mich nicht an die Fakten halte an dieser Stelle. "
Genial! xD